Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Bitte um baldige Klärung der Gravamina. Konflikte um Straßburg und Aachen und daraus resultierende Gefahren. Bitte um Einstellung der Exekution gegen Aachen. Zurückhaltung der eilenden Türkenhilfe für die eigene Verteidigung protestantischer Stände, falls keine Abhilfe erfolgt. Infragestellung der nur bedingt zugesagten beharrlichen Türkenhilfe ohne Klärung der Situation in Straßburg und Aachen. Bedrängung protestantischer Untertanen in der Stadt Köln, im Erzstift Salzburg sowie in den Hstt. Würzburg und Bamberg. Paritätische Besetzung des RDT.

Datum: Regensburg, 6. 8. (27. 7.) 1594. Vorlage des Konz. in der Versammlung der protestantischen Stände bei Kurpfalz am 3. 8. In ergänzter Form dort verlesen und gebilligt am 6. 8.1 Dem Ks. übergeben am 10. 8.

HStA Dresden, GA Loc. 10203/4, fol. 181–183 (Kop. Vorvermerk:Dise schrift sol durch einen secretarien ubergeben und mit 3 unbekanten sigeln besigelt gewesen sein.) = Textvorlage. HStA München, K. blau 113/4c, unfol. (Konz. Schlussvermerk alsNota: Dises schreiben ist von Churpfaltz wegen durch den herrn von Dhona, wegen der fursten durch Dr. Johann Jageman, f. braunschweigischen cantzler, wegen der graven von Dr. Andreas Christiani und wegen der stett von Dr. Weißen2[!], straßburgischen abgesandten, gesigeltt; fürter mitwochs, den letzten Julii anno 94 [10. 8.], ksl. Mt. vicecantzlern, herrn Wolff Freymon, durch kfl. pfeltzischen secretarium H. F. Hückeln abendts zwischen 5 und 6 uhren zugebracht worden. Der solches angenommen und sich erbotten, dasselb noch disen abendt in ksl. Mt. hoff zuschicken etc.) = B. NLA Wolfenbüttel, 1 Alt 1 A Fb. 1 Nr. 41/2, fol. 170–174’ (Kop. Dorsv.:Augspurgischer confeßion verwante an ksl. Mt. uff derselben resolution, der ubergebenen gravaminum halben. Dies ist also ubergeben worden.) = C. StA Marburg, 4e Nr. 1395, fol. 283–285’ (Kop. Aufschr.:Lectum in der Chur Pfaltz losament 25. Julii [! 4. 8.].). GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 699–702 (Kop.). ISG Frankfurt, RTA 88, fol. 86–90’ (Kop.).

/181/ An den Ks.: Haben aus der Antwort des Ks.3zu den Gravamina der CA-Stände dessen Erbieten vernommen, nach dem Vorliegen der Gegenberichte die Klärung der Beschwerden zu befördern. Sie danken für diese Zusage.

Unnd wie an euer ksl. Mt. gnedigisten willen, gemuetha unnd neigung wir bumb sovil weniger zweiffel haben, dieweil wir berichtet, das euer ksl. Mt. gegen dem durchleuchtigen hochgebornen unnserm gn. fursten unnd herrn, dem hertzogen zu Wirtemberg, allererst neulicher tagen sich allergnedigst mundtlich deßen auch erclert–b,4, also hetten wir uns auch damit aller underthenigst wol benuegen zulassen, wann wir nicht theils von etlichen unnserer seiten principaliter darbey interessirten teglich furstehender gefahr unnachleßig erinnert wurden, theils auch selbst spüren mueßten, was fur unheil und unwiderbringlicherc schaden auß vernerm vertzug unfehlbar zugewarten.

Dann was es fur ein gefehrliche gelegenheit mit dem stifft Straßburg, wann die geringsten thetlichaitend daselbsten von lottringischer seiten her ervolgen solt, dz ist fur sich selbst allen der enden benachbarten stenden gnugsam bewußt, unnd habens euer röm. ksl. Mt. auß der beylagen mit A5 noch aigentlicher zuvernemmen.

So ist auch leichtlich zuermessen, wann die statt Aach bey diser wehrenden Reichs versamblung nit außer gefahr gesetzt unnd durch euer ksl. Mt. allergnedigiste erclerung die euff ungepürlich anlauffen ihrer wider- /181’/ wertigen–e betrohte execution eingestelt unnd die sachen zu vernerer nottturfftigen verhör des beschwerten theils gerichtet wurdt, das annderst nichts, dann totalis ruina et eversio diser alten statt unnd jamerliche abreißung dises untzweiffenlichen mitglidts des Heiligen Reichs ervolgen kan.

So haben euer röm. ksl. Mt. allergnedigist zuerwegen, da dergleichen etwas an ainem oder dem anndern ortt fürgehn solt, das der nechstbenachbarten oder interessierter stende keiner ungepurlich zuverdenckhen, da er auch an der bewilligten eilenden hilf, fzu seiner selbst aignen defension–f in handen zubehalten, getrungen wurde, dz er sonnsten außerhalb solchen zustandts unnd nach erlangter möglicher versicherung, euer röm. ksl. Mt. allerunderthenigst unnd gehorsamist gern zuerstatten, bewilligt unnd entschlossen.

Es wollen auch euer röm. ksl. Mt. allergnedigst erwegen, das der mehrer thail under unns crafft sonderbarer von unnsern gnedigisten, gn. und gunstigen herrschafften unnd obern habenden instructionen unnd bevelchen annderst nit, dann uff vorgehende erledigung der geclagten gravaminum unnd anndern in underschidlichen grelationibus unnd von[den] mehrern uf der weltlichen fursten banckh übergebenen memorial, davon copia mit B6 beygelegt–g, mit angehengten conditionibus die ansehenliche, reichliche unnd zuvor nie mehr im Heiligen Reich erhörte steur wider den erbvheindt, hsovil ein jeder im bevelch gehabt–h, eingewilligt, damit dann unsere allerseits gnedigste, gnedige unnd gunstige herrschafften unnd obern zuvordersti an erstattung der alberait merer theils pure eingewilligten eilenden hilff wider iren selbst willen unnd aller underthenigiste begirdt, den betrangten christlichen granitzen zuhelffen, durch oben angedeute, im Reich selbst vor augen schwebende gefahren nicht abgehalten oder verhindert werden. Welches furnemblich in euer ksl. Mt. allergnedigistem willen und resolution beruhet.

Damit demnach auch euer ksl. Mt. der anndern angedeutteten ansehenlichen /182/ darschießung zu dem beharrlichen kriegs wesen desto sicherer sein mögen: So haben wir crafft unnserer habenden instructionen unnd außtruckhenlichen bevelhen nicht underlassen können oder sollen, euer röm. ksl. Mt. aller underthenigst deßen zuerinnern, die wir hiemit allerunderthenigst ersuechen unnd biten, sie wollen auß ihrer bißher erwißenen allergnedigisten neigung, fridt und ruhe, auch guetes vertrauen zwischen den stenden im Reich zupflantzen unnd zuerhalten, in beden obangeregten unnd euer ksl. Mt. auch hiebevor allerunderthenigst furbrachten des stiffts Straßburg unnd der statt Aach sachenj allergnedigst sich also ercleren, dask mehr höchst-, hoch- und ehrngedachte unnsere gnedigste, gn. unnd gunstige herrschafften unnd obern alles befahrten unheils gesichert, desto unverhinderter in erstattung der mehr angedeuten eylenden hilff irer selbst underthenigisten begirde und naigung nach sich erweisen mögen.

Deßgleichen zu notwendiger erledigung auch der anndern gravaminum die gnedigste verordnung thuen, das die stendt augspurgischer confession der von euer röm. ksl. Mt. zu mehrmalen allergnedigisten vertrösteten erledigung7 unnd abhelffung dermahlen eines vergewissert, bey dem ihrigen desto ruwiger zusein, sich verlassen und euer ksl. Mt. nicht allein in bevorstehender turckhischen vheindts gefahr die freywillige hilfflaistung desto williger unnd volkomener erstatten, sonnder auch in allem annderm ire zu erhaltung unnd vermehrungl euer ksl. Mt. hocheit unnd reputation wie auch vortpflantzung gemeines wolstandts gefaßte begirdt unnd allerunderthenigiste naigung mit der that erweisen können.

Zu welchem allerunderthenigistem suechen sie umb sovil mehr getrungen werden, dieweil sie teglich von underschidlichen orten unnd unauffhörlich /182’/ vernemmen mueßen, wie unfreundtlich, unchristlich unnd beschwerlich gegen iren mitglidern wahrerm evangelischer religion in der statt Cöln8, in den bistumben Saltzburgn, Wurtzburg, Bamberg unnd anndern mehr orten von tag zu tag ye mehr unnd hefftiger verfahren wurdt, deren sie sich durch gebürliche mittel unnd erlaubte weeg mitleidenlich, sovil inen immer möglich, antzunemmen auß christlicher, bruederlicher liebe, auch ehren unnd gewissens halb nicht underlassen können.

oDa der Ks. im Zusammenhang mit der Prorogation des 3. HA (Reichsjustiz) an einen RDT erklärt9, das es bey der vorigen gemeinenp deputation gelassen werden solt: Dagegen aber sie von iren gnedigisten, gnedigen und gunstigen herrschafften unnd obern außtruckhenlichen bevelch, qwie sie sich in iren votis deßen mit rotunden[!] worten vernemmen lassen–q, in kein anndere deputation zubewilligen, dann die von beder religion verwandten stennden in gleicher antzall unnd dignitet also verordnet, das die evangelischen stendt gleichmeßiger unpartheyischenr erledigung aller daselbst hin alberait verschobener puncten, oder so dahin noch khunfftig gewisen werden möchten, sich zu getröstens, auch der bißher bey diser Reichs versamblung gespürten ubereilung10 sich nicht zubefahren haben.

So wurdt nicht weniger allerunderthenigst gebetten, euer ksl. Mt. wolle irer selbst bey derselben proposition gethanen allergnedigisten vertröstung gemeß11 die sachen gnedigist dahin richten, das dise so wichtige puncten, tderen nicht die geringsten auch von der religion herrueren–t, nicht weniger zu gleichmessiger consultation von beeden religionen /183/ in gleicher antzall deputierten stendt gezogen unnd zu unpartheyischer erörterung gebracht werden mögen, als sie ir gefallen lassen, dz in der niderlendischen furgeschlagenen fridtshandlung verfahren werde.

Dardurch sonnder zweiffel alles mißtrauen zwischen den stenden im Reich desto grundtlicher auffgehoben unnd dagegen die hochnottige vertreuliche zusamensetzung bey disen gegenwertigen so gefehrlichen leuffen desto fruchtbarer gepflantzt und entlichen euer ksl. Mt. authoritet desto ruhmlicher und ansehenlicher gehandthabt unnd uff die liebe posteritet gebracht werden mag.

Schlussformel. Regensburg, Samstag, 6. 8. (27. 7.) 1594–o.

Unterzeichnet von der mehrer theil augspurgischer confession verwandten churfursten, fursten und stendt alhie anwesende räth, pottschafften unnd gesandte.

Beilage A: Supplikation des Verordneten des Straßburger Administrators Johann Georg von Brandenburg an die Gesandten der protestantischen Stände. Vgl. Nr. 416.

Beilage B: Memoriale der protestantischen Stände des FR zur Duplik der Reichsstände beim 1. HA (Türkenhilfe). Vgl. Nr. 272.

Anmerkungen

1
 Vgl. Nr. 219, 220. Zur Ergänzung am 6. 8. vgl. unten, Anm. o.
2
 = Dr. Georg Christoph Greiß.
3
 Nr. 403.
a
 gemueth] In B Hinzufügung am Rand.
b
–b umb … erclert] In B Hinzufügung am Rand und korr. aus: keinen zweiffel haben.
4
 Vgl. Württemberger Votum im Religionskonvent am 3. 8. [Nr. 219, Anm. g und Anm. 3].
c
 unwiderbringlicher] Korr. nach B und C. In der Textvorlage verschrieben: widerbringlicher.
d
 geringsten thetlichaiten] In B, C: geringste thätlicheit.
5
 Beilage A: Nr. 416.
e
–e uff … widerwertigen] In B Hinzufügung am Rand.
f
–f zu … defension] In B Hinzufügung am Rand.
g
–g relationibus … beygelegt] In B Hinzufügung am Rand.
6
 Beilage B: Nr. 272.
h
–h sovil … gehabt] In B Hinzufügung am Rand.
i
 zuvorderst] In B korr. aus: nicht allein.
j
 sachen] In B und C danach zusätzlich: auff hievor der ständ aller underthenigst bitten.
k
 das] In B danach gestrichen: wir anstatt und von wegen.
7
 Vgl. Nr. 403 sowie Replik zum 1. HA (Türkenhilfe) [Nr. 250], fol. 317’ [Daneben seind ir … getreulich zubefurdern.] und Schlussschrift zum 1. HA [Nr. 254], fol. 402’ [So ist irer ksl. Mt. … entlich gemaint.].
l
 unnd vermehrung] In B Hinzufügung am Rand.
m
 wahrer] In B Hinzufügung am Rand.
8
 Vgl. Nr. 414.
n
 Saltzburg] In B Hinzufügung am Rand.
o
–o Da … 1594] In B Hinzufügung auf einem beigelegten Blatt.
9
 Replik des Ks. [Nr. 260].
p
 gemeinen] In B Hinzufügung am Rand.
q
–q wie … lassen] In B Hinzufügung am Rand.
r
 unpartheyischen] In B Hinzufügung am Rand.
s
 sich zu getrösten] In B Hinzufügung am Rand.
10
 = Überstimmung durch die katholischen Stände.
11
 Abschlusserbieten des Ks. in der Proposition [Nr. 1], fol. 42’ [Das seindt ir ksl. Mt. … in acht zuhaben].
t
–t deren … herrueren] In B Hinzufügung am Rand.