Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Ablehnung des erhöhten Reichsanschlags für das Gesamthaus Sachsen: Ungültigkeit der Beschlüsse des Moderationstags 1545, Gültigkeit allein der Matrikel von 1521.

Datum: Regensburg, 9. 8. (30. 7.) 1594. Der Mainzer Kanzlei übergeben am 9. 8. Im KR vorgelegt am 10. 8.1 Von den Reichsständen nicht kopiert.

HHStA Wien, MEA RTA 91, fol. 529–531’ (Or. Dorsv.:Memoriale deß chur- und f. hauß Sachsen in moderation sachen. Ahn die churfursten des Reichs und der abwesenden räth, pottschafften und gesandten. Praesentatum Regenspurg, 9. Augusti 94.) = Textvorlage. HStA Dresden, GA Loc. 10203/1, fol. 153–155’ (Kop. Aufschr.:An die churfursten des Reichs und der abwesenden botschafften. Dorsv.:Moderation und justification belanngenndt. Ist im churfursten rath zu Regenspurgk den 30. Julii [9. 8.!]anno 94 ubergeben worden.) = B. StA Meiningen, GHA II Nr. 89, fol. 129–132 (Kop. Überschr.:Churfurstliche in vormundtschafft und furstliche sachsische nacher Regensburgk abgeordente räthe erkleren sich gegen dem churfurstlichenn collegio, das ire genedigste und genedige hernn den von anno 1521 hero gedragenen Reichs anschlag nicht erhöchen lassen konnen.) = C. StA Coburg, LA B 205, fol. 453–455 (Kop.).

/529/ An die Kff. und deren Gesandte: Nachdem der RT die Punkte Moderation und Rektifizierung der Reichsmatrikel (5. HA) neuerlich an einen RDT verschiebt und dies im RAb festhalten wird2, muss Kuradministrator Friedrich Wilhelm als Vormund der Hgg. Christian, Johann Georg und August sowie für sich selbst, seinen Bruder und seine Vettern3als Hgg. von Sachsen einwenden4:

/529 f./ Die Kff. wissen, dass gemäß den Reichskonstitutionen der Reichsanschlag eines Standes moderiert wird, falls er Land und Leute oder anderweitig an Vermögen verliert. /529’/ Dagegen aber, wo ein stanndt nicht mehr lanndt unnd leut bekommen, als er bey aufrichtung der Reichs matricul anno 1521 gehabt, das keiner uber ermelten anschlag erhöhet werden sollte, wann er gleich sonst durch den segen Gottes in gros aufnemen kommen were.

Auch werden die Kff. in den RAbb 1551, 1555, 1566, 1570, 1576 und 1582 befinden, das bey denselben jedertzeit von des churfurstlichen hauses Sachsen wegen furgewanndt unnd mit gutem bestannde angezogen worden ist5, nemlich das sich dasselbe von der disposition des zu Wormbs anno 1521 publicirten abschiedts, als welcher das fundament, norma unnd richtschnur dises wercks ist, uf das, was[durch] etliche personen anno 1545 ohne einigen bevhelich, grundt oder erkunndigung in des hauses Sachsen abwesen, auch desselben ganntz ungehört, bedennckenns weise furgeschlagen worden ist6, nicht furen laßen konten. Wie dann auch das haus Sachsen bey allen Reichs-, deputations-, kreis- unnd moderationstagen, /530/ sonnderlich aber anno 77, mit grundlicher ausfuhrung deßelben rechtens solchs notturfftig berichten laßen7. Dabey es auch bliben, der kayserliche fiscal damit zufriden unnd also das chur- unnd furstliche haus Sachsen bey dem anno 21 gemachten anschlag bliben ist und sich auch noch nicht davon abfuren laßen kana.

Ob dann wol wir, die gesanndten, in keinen zweifel stellen, die röm. ksl. Mt. unnd das Heylige Reich werde nicht gemeint sein oder auch einige ursach haben, hochgedacht chur- unnd furstlich haus Sachsen uber die allten, anno 1521 aufgerichten anschlege mit merenb burden oder oneribus zubelegen oder auch dasselbe mit praeiuditiis zubeschweren, bevorab weil die obgedachten Reichs abschiede ausdruckhlich melden, das die ordnung der matricul nach dem anno 1521 gegebenen abschiede regulirt werden solle8, damit aber die nachfolgennde wortt: „sovil daran anno 45, 57, 67 und anno 71 durch die moderatorn nicht geendert oder durch konfftige moderatorn geenndert wurde“9, in künftigen zeitten keinen mißvorstannd vorursachen mögen:

So haben wir pro conservatione iuris derc [!] hochlöblichen chur- unnd furstlichen hauses Sachsen, auch zu abwenndung konfftiges mißvorstanndts vor ablesung oder publication des abschiedes dise nottwenndige erinnerung zu dem ennde zuthun nicht umbgehen können, damit euer kfl. Gn., L., Gnaden unnd Gunsten, auch alle andere stennde des Reichs deßen wißennschafft haben mögen, das das löblich haus Sachsen vor sich sowohl alls alle desselben exempten10 ime uber den anno 21 zu Wormbs gemachten /530’/ anschlag einige fernere erhöhung nicht auftringen laßen kan, daßelbige auch eintzuwilligen nicht schuldig ist.

Die Gesandten bitten, dieses Memoriale zu beachten, es in der Mainzer Kanzlei zu registrieren und ihnen die Übergabe zu bestätigen.

Schlussformel. Datum Regensburg, 9. 8. (30. 7.) 1594. Unterzeichnet von den kursächsischen und hgl. sächsischen Gesandten.

Anmerkungen

1
 Kursachsen, fol. 500 [Nr. 48].
2
 Vgl. Antwort zum 5. HA [Nr. 259], fol. 139 f., sowie RAb [Nr. 511], §§ 107 f., 115.
3
 Bruder: Hg. Johann III. von Sachsen-Weimar; Vettern: Hgg. Johann Casimir und Johann Ernst von Sachsen-Coburg. Vgl. Schreiben des kursächsischen Rates Abraham Bock an Hg. Johann Casimir von Sachsen-Coburg (Regensburg, 10. 8. {31. 7.} 1594): Da der Hg. bereits vom RT abgereist ist, die Erhöhung des Anschlags 1545 aber auch Sachsen-Coburg betrifft, hat er, Bock, in die dazu an KR und die Mainzer Kanzlei gereichte salvation schrieftauch ihn den, Hg., und seinen Bruder Johann Ernst aufgenommen (StA Coburg, LA B 205, fol. 451–452’. Or. Hd. Bock; präs. o. O., 12. 9. {2. 9.}).
4
 Vgl. zur Veranlassung des von den kursächsischen Gesandten verfassten Memoriale deren Bericht an Kuradministrator Friedrich Wilhelm vom 12. 8. (2. 8.) 1594: Da der 5. HA (Reichsmatrikel) unter Berufung auf die Disposition im RAb 1582 erneut an den RDT prorogiert wird (vgl. Nr. 259, fol. 139 f.) und der RAb 1582 im § „Wann auch zu Frannckhforth“ [§ 64: vgl. unten, Anm. 9] zwar die Matrikel von 1521 als Grundlage festlegt, jedoch vorbehaltlich der Moderationen von 1545, 1557, 1567, 1571 und 1577, haben sie befürchtet, dass für die künftigen Beratungen beim RDT der Reichsanschlag von 1545, den die Kff. August und Christian stets abgelehnt haben, /138/ etwan canonisiret unnd dardurch dem chur- und furstlichen hause Sachsen und desselben exemten ein praeiudicium unnd erhöhung zugezogen werden möchte.Haben deshalb am 9. 8. (30. 7.) die Eingabe an die Mainzer Kanzlei gereicht, um den sächsischen Widerspruch gegen die Matrikel von 1545 zu manifestieren (HStA Dresden, GA Loc. 10203/1, fol. 134–147’, hier 137’–138’. Or.; präs. Meißen, 16. 8. {6. 8.}).
5
 In C dazu als Erläuterung am Rand: Gemeint sind § „Nachdem auch“ im RAb 1551 und § „Unnd wiewohl“ im RAb 1555 (RAb 1551, § 63: Eltz, RTA JR XIX, Nr. 305 S. 1594; RAb 1555, § 133: Aulinger/Eltz/Machoczek, RTA JR XX, Nr. 390 S. 3144). Weder diese noch die anderen genannten RAbb erwähnen einen Widerspruch Kursachsens, sondern bekräftigen die Matrikel von 1521 als Grundlage des künftigen Moderationstags (RAb 1551) bzw. geben die Nachfrage beim Ks. bei zweifelhaften Verfahrensfragen vor (RAb 1555). Zu Protesten Kursachsens vgl. auch Anm. 11 bei Nr. 42.
6
 Der Moderationstag 1545 erhöhte den Anschlag für das albertinische Sachsen um ca. ein Viertel. Zwar änderte sich der Steuersatz durch den Wechsel der Kurwürde ohnehin, doch entrichtete Kursachsen später auch die Anschläge für die (eximierten) Hstt. Meißen, Naumburg und Merseburg, deren Satz 1545 um ca. zwei Drittel bzw. mehr als das Doppelte erhöht worden war. Die Hstt. hatten dagegen an das RKG appelliert und wurden wegen der noch ausstehenden Entscheidung weiter nach dem Anschlag von 1521 geführt (Lanzinner, Friedenssicherung, 396, 404 f.). Vgl. den Reichsanschlag 1545: Aulinger, RTA JR XVI, Nr. 113B S. 1084–1098, hier 1086 f.
7
 Beim RDT 1577 verhinderte der Obersächsische Kreis mit Kursachsen als Hauptvertreter die Aufnahme der Verhandlungen zur Matrikelrektifizierung, indem er wie der Niedersächsische und Bayerische Kreis gegen die unzureichende Beweisaufnahme des vorausgehenden Moderationstags protestierte (Lanzinner, Friedenssicherung, 408; Heil, Reichspolitik, 582–584).
a
 kan] In der Textvorlage korr. aus: können.In B: können.In C: kann.
b
 meren] In B, C: mehrern.
8
 RAb 1551, § 63 (Eltz, RTA JR XIX, Nr. 305 S. 1594); RAb 1555, § 130 (Aulinger/Eltz/Machoczek, RTA JR XX, Nr. 390 S. 3144); RAb 1566, § 137 (Lanzinner/Heil, RTA RV 1566, Nr. 467 S. 1550 f.); im RAb 1570 keine Erwähnung; RAb 1576, § 99 (Neue Sammlung III, 369); RAb 1582, § 64 (Leeb, RTA RV 1582, Nr. 457 S. 1430 f.).
9
 RAb 1576, § 99 (Neue Sammlung III, 369); RAb 1582, § 64 (Leeb, RTA RV 1582, Nr. 457 S. 1431). Vgl. zur Anerkennung der Entscheidungen der erwähnten Moderationstage im RAb 1576, jedoch vorbehaltlich dagegen am RKG anhängiger Appellationen: Lanzinner, Friedenssicherung, 407.
c
 der] In B, C: des.
10
 = bes. die Hstt. Meißen, Naumburg und Merseburg. Vgl. Anm. 6.