Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Textvorlage: Augsburg, unfol.

Eröffnung des RT. Vortrag der Proposition. Mündliche Antwort der Reichsstände. Abschrift der Proposition.

Eröffnung des RT: Geleit des Ks. von seiner Residenzazum Dom, dort Feier der Heilig-Geist-Messe, Zug vom Dom zum Rathaus. [Entsprechend Protokoll des KR, 13, und dort inserierter Darstellung bei Fleischmann, Beschreibung.]

Im Rathaus sind andere caeremonien nit gehalten worden, alß dz der Chur Sachsen administrator dz blosse ksl. schwerdt vorgefuert und die vier ksl. unnd khunigliche herolden iren habit unnd paludamenta getragen.Nachdem der Ks. sich auf seinen Thron gesetzt hat, weist der Reichserbmarschall den anwesenden Kff. und Ff. neben ettlichen gesandten innerhalb der schranckhenihre Session zu1: Zur rechten Seite des Ks. 1) Kf. von Mainz, 2) Bgf. Fabian von Dohna als Gesandter für Kurpfalz, 3) Ebf. von Salzburg, 4) Gf. Wilhelm von Oettingen für Österreich, 5) Marquis Charles Philippe d’Havré für das Haus Burgund, 6) Bf. von Würzburg, sodann einige Gesandte weniger geistlicher Ff. Zur linken Seite des Ks.: 1) Kf. von Köln, 2) Kuradministrator von Sachsen, 3) Gf. Wolfgang Ernst von Stolberg als Gesandter für Kurbrandenburg, 4) Pfgf. Philipp Ludwig von Neuburg, 5) Hg. Johann Casimir von Sachsen, 6) Hg. Johann Ernst von Sachsen, 7) F. Christian von Anhalt,8) Lgf. Georg Ludwig von Leuchtenberg, sodann Gesandte Bayernsb,2und von einigen anderen weltlichen Ständen. Der Kf. von Trier hat sein sondere session wie gebreuchig, alß nemblich geradt hinaußwerts von irer Mt. in einem besondern stuel nachendt in der mitte des schranckhens genohmmen. Uff der seitten bei Maintz ist gestanden deß Reichs marschalckhen sohn3, hat an statt deß administrators der Chur Sachsen dz blosse ksl. schwerdt, biß ir Mt. ufgestannden, unnd dann zue beeden seitten die vier ksl. und königliche herolden weisse stäbe in händen gehalten.

Nach Einnahme der Sessionc,4stellt sich Pfgf. Philipp Ludwig von Neuburg5an die linke Seite des Ks. und hält die Vorrede zur Proposition6: Der Ks. dankt dafür, dass auf sein Ersuchen hin die Reichsstände den RT persönlich besuchen oder mit Gesandten beschicken. Haben auch darauf ir, der samentlichen stendt, ruehmlichen eyffer zue betrachtung deß gemainen vatterlandts besstes und wolfahrt billich zuebeloben. Dieweilen dann ir ksl. Mt. deß Heiligen Reichß obligen, so dißmal zue proponiern und furtzutragen, in schrifften verfassen lassen und alßgleich offentlich furzuelesen bevolchen, alß versehen sich ir ksl. Mt. und ersuechen churfursten, fursten und stendt hiemit freundtlich, gnedig und vätterlich, sy wollten solche vom erbfeindt anthröende scheinbare nott [mit] besstem embsigen vleuß[!] behertzigen, auch sich darauf also guetwillig und threuhertzig erclären, wie es deß Hl. Reichß und deß betrangten christlichen gränitzwesens eusserste gefahr unnd notturfft wol erfordert unnd irer ksl. Mt. freundtlichs, gnedigs, vätterlichß verthrauen zue inen sambtlich und jedem derselben in sonderheit gerichtet ist. Dz begerten ir ksl. Mt. mit allem freundtlichem, gnedigen willen zuerkhennen und zuerwidern.

Uff solches ir Mt. selbst ufgestannden und vast dergleichen mit entblösstem haubt selbst auch gerödt.

Anschließend Verlesung der Proposition7durch den ksl. Sekretär Hannewald.

Nach der Verlesung sein ir Mt. abermaln uffgestanden und volgenden inhaldts gerödt8: Euer Ll., andachten und ir haben auß jetzverleßner proposition vernommen, waß mich bewögt, deß Hl. Reichs samentliche stendt zue diser gemainen versamblung zuebemüehen. Weil dann unnder andern nottwendigkheiten furnemblich deß erbfeindtß halb diese sach also beschaffen, dz aigentlich des Reichs teutscher nation wolfarth daran hafftet, so will ich mich versehen und hiemit in besstem begert haben, euer Ll., andachten und ir wöllen angerögte proposition aufs ehist und furderlichst in berathschlagung ziehen, auch sich darauf also willfärig und guethertzig erzaigen, wie es die augenscheinliche deß Hl. Reichs und deß betrangten christlichen gränitzwesens eusserste gefahr und nott wol erfordert, sonnderlich aber mein verthrauen zu euer Ll., andachten und euch gerichtet ist. Dz beger ich, in freundtschafft und gnaden zuerkhennen, auch meines thails nichts zue underlassen, waß gemainer christenheit und dem Hl. Reich teutscher nation zue wolfahrt geraichen thuet.

Gesonderte Beratungen der drei Kurien. Gemeinsame Antwort an den Ks., vorgetragen vom Kf. von Mainz: Die Reichsstände haben die Proposition vernommen. Sie bedanckhten sich der getreuen sorgfeltigkheit gegen irer Mt., mit endtschuldigung der außblibenen stende in der person. Wolten mit ehistem die articul der proposition berathschlagenund bitten dafür um deren Abschrift.

Daraufhin wird dem Mainzer Kanzler die Proposition übergeben. Der Ks. wird von den Reichsständen zurück in sein Quartier geleitet.

(Nachmittag). Gemäß Ansage des Reichserbmarschalls beginnen die Schreiberd,9der Reichsstände mit der Abschrift der Proposition. Diese zieht sich bis Sonntag [5. 6.] hin.

Anmerkungen

a
 von seiner Residenz] Baden-Durlach (fol. 8’) differenzierter: In der ksl. Residenz begeben sich die Kff. und Ff. in das vorgemachdes Ks., während die Gesandten in der ritterstubenaufwarten. Als der Ks. sein Gemach verlassen will, hat der türhüeter mit seinem guldin schlüsel dem gebrauch nach ein zeichen geben und an die thür geklopfft. Seindt alle gesandte und kayserische herrn und hoffdiener alsobaldt us der ritterstuben fort hinunder durch einen gang in die thumbkirch gezogen und die ksl. Mt. hernacher gevolgt.
1
 Vgl. auch die leicht abweichende Darstellung bei Fleischmann, Beschreibung (inseriert in Nr. 2).
b
 Gesandte Bayerns] Bayern (fol. 9 f.) differenzierter: Landhofmeister Helfenstein ist nach dem Eröffnungsamt sofort zum Rathaus gegangen, um beim erwarteten Gedränge die bayerische Session zu sichern. Als der Ks. ankommt, positioniert er sich unmittelbar nach dem Lgf. von Leuchtenberg, doch will sich einer, der Quadt genant[Lutter Quadt zu Wickrath], vor ihn drängen und die Session für Pfalz-Lautern einnehmen. Helfenstein weicht nicht und stellt sich direkt neben den Lgf., damit Quadt sich nicht vordrängen kann. [Nach der Eröffnung berieten die bayerischen Gesandten zum Streit: Ablehnung des Sessionsanspruchs Pfalz-Lauterns, aber keine Wendung an Kurpfalz oder die Pfgff., um eine Solidarisierung der protestantischen Stände auszuschließen, sondern man wollte das Recht Bayerns /12/ ipso facto manutenirn,für den gegenteiligen Fall auf die Teilnahme am FR verzichten und veranlassen, dass auch weitere katholische Stände den FR verlassen (Bayern, fol. 10’–12’). Auch Hg. Wilhelm drängte auf Schritte der katholischen Stände, damit Pfalz-Lautern /184’/ gentzlich außgeschlossen und inen weder session, stimm noch anders gestat werde(Weisung an Hg. Maximilian; München, 8. 6. 1594: HStA München, KÄA 3232, fol. 183–187’, hier 183–184’. Or.). Obwohl die bayerischen Gesandten diesbezüglich beim Ks. aktiv wurden (Memoriale Hg. Maximilians vom 21. 6. und Bericht vom 28. 6. 1594: Ebd., fol. 335–338, hier 335–336’. Or.; fol. 299–300’. Or.), konnte Pfalz-Lautern die Session dauerhaft behaupten. Vgl. Stieve, Politik I, 243 f., Anm. 2).]
2
 Hg. Maximilian von Bayern verzichtete auf die Teilnahme an der Eröffnung, da er als nicht regierender F. den Hgg. von Sachsen-Coburg und Pfgf. Philipp Ludwig den Vorrang hätte einräumen müssen und damit im Sessionsstreit mit Pfalz-Neuburg ein negatives Präjudiz geschaffen hätte (Nachfrage Maximilians bei Wilhelm V. vom 20. 5. 1594: HStA München, KÄA 3232, fol. 92–97’, hier 94. Or. Weisung Wilhelms V.; München, 23. 5. 1594: Ebd., fol. 100–105’, hier 100–103’. Or. Bericht Maximilians vom 29. 5.: Ebd., fol. 139–139a’. Orr.).
3
 Joachim d. J. von Pappenheim.
c
 Einnahme der Session] Baden-Durlach (fol. 11) differenzierter: Für die Mehrzahl der Gesandten ist wegen des mit vleis eingezogenen engen platz kheine ordenliche session gehalten worden.Dies ist vermutlich wegen der stritigen sessionen beschehen, damit sich in praesentia imperatoris zwischen den stenden kein unwill erhebe.
4
 Vgl. Bericht der Magdeburger Gesandten an Administrator Joachim Friedrich vom 2. 6. (23. 5.) 1594: Trotz ihres Verzichts auf die Session bei der Eröffnung (vgl. Nr. 321) sind sie [ohne deren Beanspruchung] /880/ bey der proposition gewesenn. Es ist aber ein sollich confusion und einlauff gewesen, das kaum die helfft, nicht der dritte theil der stenden zu sitzen kommen; wie auch keine session, da etzlich auff beiden seiten wie andere gestanden, observiret werden konnen(GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 873–881’, hier 880. Kop.). Die Wolfenbütteler und Halberstädter Gesandten vermuteten im Bericht an Hg. Heinrich Julius vom 4. 6. (25. 5.) 1594, man habe gezielt einen kleinen Raum gewählt, weil man sich /294/ wegen der geistlichen stende, so evangelischs sein, der session halben eines andern befahret.Die Eröffnung erfolgte im gemeinen hauffenohne Beachtung der Rangfolge. Sie selbst hatten den RT für einige Tage verlassen, da ihnen aufgrund der Sessionsverzichte Magdeburgs, des Gesandten Administrator Johann Georgs von Straßburg und des H. von der Becke für Bremen, Lübeck, Verden und Osnabrück einerseits und der distanzierten Position Kursachsens und Württembergs zur Sessionsfrage andererseits /294’/ sehr bedencklich furgefallen, [uns] bey der /295/ proposition […] vor allen andern geistlichen evangelischen stenden etwas anzumaßen.Sie beauftragten Joachim Delius [anwesend für Walkenried] als ihren Vertreter (NLA Wolfenbüttel, 1 Alt 1 A Fb. 1 Nr. 41/1, fol. 294–296a, hier 294–295. Or. Vgl. Häberlin XVIII, 132 f., 176; Stieve, Politik I, 210).
5
 Dessen Rolle bei der RT-Eröffnung betont Kossol, Reichspolitik, 64 f.
6
 Vizekanzleramtsverwalter Freymon hatte auf ausdrücklichen Wunsch des Pfgf. hin für diesen konzipiert, wie ungeverlich die vorredt vor der proposition anzestellen(Schreiben an den Pfgf., o. D.: HStA München, K. blau 274/8, fol. 279. Or. Konzipierter Text: Ebd., fol. 280. Kop.). Die protokollierte Rede entspricht im Wortlaut einer Fassung in den ksl. Akten und wurde wohl daraus entnommen (HHStA Wien, RK RTA 64, fol. 428–429’. Kop. Dorsv.: Kayerliche vorredt in propositionem deß reichstags zu Regenspurg anno 1594.).
7
 Nr. 1. Nicht korrekt ist die Aussage zur vermeintlichen Funktion von Z. Geizkofler während der Verlesung bei Sigelen, Reichspfennigmeister, 139.
8
 Bei Fleischmann, Beschreibung, wird die Rede des Ks. erst im Anschluss an die Antwort der Reichsstände zum Vortrag der Proposition aufgezeichnet (vgl. Nr. 2, Anm. 18). Die protokollierte Rede des Ks. entspricht im Wortlaut der in den ksl. Akten festgehaltenen Fassung (HHStA Wien, RK RTA 64, fol. 427, 427’. Kop. Dorsv.: Ksl. nachred zue Regenspurg anno 94.).
d
 die Schreiber] Hessen (unfol.) differenzierter: Um 14 Uhr werden die Gesandten aufgefordert, jeweils nur einen Schreiber mit einer Urkunde zur Abschrift der Proposition abzuordnen.
9
 Vgl. Vollmachten (Auswahl) für die Abschrift der Proposition (jeweils Regensburg, 2. 6. {23. 5.} 1594): Pfalz-Neuburg, ausgestellt für Kanzleidiener Georg Bickel (HStA München, K. blau 274/8, fol. 152. Kop.); Württemberg, ausgestellt für Johann Gomer und Konrad Heller, vereidigte Kanzleischreiber (HStA Stuttgart, A 262 Bd. 71, fol. 1–2. Konz.); Hgg. Johann Casimir und Johann Ernst von Sachsen-Coburg, ausgestellt für den Kanzlisten Abraham Bischof (StA Coburg, LA B 205, fol. 22, 22’. Kop.).