Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Einnahme der Magdeburger Session am 13. 7. 1594 durch Meckbach: Abbruch der Verhandlungen zum 1. HA (Türkenhilfe), Gefährdung des gesamten RT, Schwächung der ksl. Reputation. Noch andauernde Bemühungen des Ks. um Klärung der Sessionsfrage. Warnung und strikte Forderung an Meckbach: Verzicht auf die Session, ansonsten Verantwortung für alle Konsequenzen aus dem Abbruch des RT.

Ohne Datierung, jedoch 14. 7. 1594. Verfasst von Reichshofsekretär Hannewald auf Grundlage eines Entwurfs von Reichsvizekanzleramtsverwalter Freymon vom 14. 7.1 Den Magdeburger Gesandten vorgetragen am 14. 7.2

HHStA Wien, RHR Judicialia Antiqua 273/4, fol. 408–409’, 406–407’ [Ablagefehler] (Konzeptkop. mit wenigen Korrekturen) = Textvorlage.

/408/ Ks. hat erfahren, dass der herr3gestriges tags die vor disem praetendierte magdeburgische session im fursten rath de facto eingenommen haben4. Daher die anwesende chur- unnd fursten sambt der abwesenden gesandten nit allein in ein solche discepanz[!], widerwillen und unvernemmen gerathen, dergleichen vor disem nit vil gehördt, sondern auch die völlige berathschlagung des furnembsten haubtpunctens, daran irer ksl. Mt., dem Heiligen Reich und betrangtem hungerischen kriegswesen diser zeitt die eusserste rettung gelegen, in ein solche zerrüttligkeit, verabsaumung und einstandt gebracht worden, das es diß ansehen, als wann dise unzeittige praetension zue einem allgemainen bruch des gantzen reichstags vorsetzlich gemaint, zueforderst aber irer Mt. ksl. reputation unnd hohait zue sonderm despect, trutz und verclainerung gesuecht und in das werck gesetzt sein solle.

/408’/ Dann einmal können ir Mt. nit glauben oder dafur haltten, das ire allso vilfalttig erclerte affection, freundtschafft unnd sondere naigung zue dem löblichen hauß Brandenburg eben zue diser zeitt und in disem werck, daran der gantzen christenheit wolfarth und verderben zugleich auf der wag ligen, so eylends in vergeß und zueruck gestellt worden, das ire chur- und f. Gnn.5 ein so gar hochschädliche trennung, widerwillen unnd unvernemmen zwischen irer Mt. als dem haupt und den allgemainen stennden des Reichs, des geliebten vatterlands furnembsten glidern, yemals in ire gedanckhen genommen, vil weniger beliebt unnd solcher massen, wie beschechen, ins werck zu richten, weil sonderlich iren chur- und f. Gnn. wie auch dero abgesandten underschidliche vorgehende erpietten vil ein anders mit sich bringen, ire Mt. auch bey baiden fridliebenden, irer Mt. und dero hochlöblichem hauß Österreich sovil lange jar hero mit sonderer vertreuligkeit wol zueget- /409/ anen fursten nit vermuetten noch glauben können, zumal demnach sich ir ksl. Mt. ires thails und fur ir person des geringsten nit zuerindern, dadurch mehr hochermelte chur- und fursten zu einem andern intent und vorhaben, zuevoraus aber dergleichen unversehenen alteration ursach und anlaittung gegeben seye, sondern es werden der warheit zue steuer die abgeordnete chur- und furstliche brandenburgische gesandten selbst irer ksl. Mt. zeugnus geben muessen, das sy in disem incidentz stritt unnd angemasten session an dero treuw- und wolgemainten vätterlichen fursorg und würcklicher bemuehung, so schrifft-, so mündtlich, fur sich selbst und ire ansehenliche räth biß auf dise stundt nichts erwinden lassen; allein der notturfft und billigkeit nach dahin gesehen, wie eines thails die besorgte und nun alberait vor augen schwebende zerrüttung dises reichstags sovil möglich verhuettet unnd doch daneben auch der haubtsachen die ordenliche deduction und außfhuerung angegebener gerechtsame6 in allweg vorbehaltten und nicht entzogen wurde. Derwegen dann /409’/ ir ksl. Mt. mit sovil mehrer billicher befrembdung an yetzo hören und empfindlich vernemmen, das derselben diser praetendierten session halber wo7 [!] lange gestelte unnd biß dato continuierte handlung so gar one ainigen respect dero ksl. person und hocheit und derselben unverwaret zueruck gestellt und zue verhinderung der christlichen frontirn und gränitzen defension eben dz widerspil dagegen practicirt und an die handt genommen.

Weil dann irer Mt. thails aus yetztangeregten, thailn[!] aus andern mehr wüchtigen bedenckhen und ursachen, welche den brandenburgischen marggrävischen abgeordneten wie auch iren herrschafften zu underschidlichen malen umbstendig und außfhuerlich angedeuttet worden, nit vermueten noch glauben wöllen, das der N.8 mit weitterer continuierung dern an gestern de facto angemassten session verfahrn, daher den vorstehenden wissentlichen bruch und undergang diser ganzen Reichs versamblung, endtlich auch des gantzen hochbetrangten hungerischen gränitzwesens wissentlich und vorsetzlich /406/ verursachen, auch die daraus volgende schwere und ewige verantworttung gegen Gott, irer Mt. und allen chur-, fursten und stennden der gantzen posteritet, ja der ganzen christenheit allein auf sein person laden wöll:

Also haben ir Mt. der sachen unvermeidenlichen notturfft nach nit umbgehn sollen, den N. fur dero gehaime räth zuefordern, ine nochmals ernstlich zuwahrnen und zuevermahnen, dz er dises weitsehenden wercks wüchtigkeit besser bedenckhen, sonderlich aber wol erwegen wöll, was aus dergleichenn gemainem bruch, zerrüttung und underganng fur gefahr, spott, angst und noth nit allein ins künfftig zuwartten[!], sonder auch albereit vor augen und vor der thür seien, wohin und zue was endt sovil ansehenlicher anwesender chur-, fursten und stendt verpitterung und widerwillen, do sy in demselben ab- und verraissen sollen, gelangen, wie und durch was mittel dem einmal angezündten feuer des /406’/ gantzen Teutschlands zu löschen, durch wen und mit was hülf die gefar und einbruch des erbfeinds in solcher gemainer verbitterung abzuwenden, ob unnd was auch fur gefahr leib, ehr und guets disem zu wartten, darzue dergleichen gemainem ellendt, verderben und underganng wissentlicher und vorsetzlicher weis solle ursach geben. Ainmal seien ir ksl. Mt. dahin entschlossen, dz sy die gemaine vorstehende gefahr dises sessionstritts halber auf sich nit laden, sonder die einmal wolangestellte reichsversamblung und derselben berathschlagung kayserlich und mit allem ernst continuirn, schutzen, furdern und ins werck wöllen setzen helffen, weil sy sich sonderlich gegen beeden hochermelten chur- und fursten von Brandenburg zu underschidlichen mahlen schrifft- und mündtlich dahin erclert9, dz sy irer dißfalls angemaster gerechtsame ein gepurlichen ausschlag zuegeben urbiettig. Wie /407/ sy dann auch disem erpietten gemes und auch ir selbst, der abgesandten underschidliches bitten und erindern mit communicierung der ubergebenen haubt schrifft alberait der sachen ein anfang gemacht10, dieselb auch also hinfuran zu continuirn gedacht weren. Derselben soll der N. billich erwart, ir Mt., auch der anwesenden chur- und fursten mit disem thättlichen vornemmen verschonet, sonderlich aber irer Mt. so treuhertzige affection gegen dero herrschafft, die ir Mt. dern selbst zeugnus geben, in mehrerm respect gehalten haben. Weil aber wider ir Mt. verhoffen dz widerspil ervolgt, haben sy solches mit sonderm befrembden und ungnaden verstanden, hetten auch, solches in ander weg gegen dem N. zu billicher erhalttung irer ksl. reputation und hoheit zu anden, wol ursach. Weil aber ir ksl. Mt. sich nochmals unzweiffenlich versehen wöllen, der N. werde sich auf dise erinderung eines andern bedenckhen, der verrnern würcklichen continuirung der session biß zu /407’/ völliger praeparation und ausschlag des haubtwercks in disem sessions puncten enthaltten, auch sonsten sich eines mehrern respects und aufsehens gegen ir Mt. erzaigen, also wöllen sy noch der zeit mit geburlicher handthabung irer ksl. dignitet aus dem weg haltten, sich aber gegen dem N. gentzlich und ernstlich versehen, er werde uber dise erinderung zue verrnerm nottrunglichen einsehen nit ursach geben.

Anmerkungen

1
 Der Vorentwurf Freymons weist nur geringe Abweichungen gegenüber der Ausfertigung auf: HHStA Wien, RHR Judicialia Antiqua 273/4, fol. 405, 422–423’ [Ablagefehler]. Konz. in zweispaltigem Geheft. Vermerk (fol. 405): Er, Hannewald, möge unverzüglich folgenden Inhalt, den ich in eil in substantia verfast, ausführlicher und so formulieren, dass er Dr. Meckbach wegen seiner an gestern de facto eingenomenen session vor ier Mt. oder dero gehaimen räthen fürzehalten sein mecht. Soll noch heütt vor essens der fürhalt beschechen. Wölt alle andere arbeit beiseits legen, periculum enim in mora.
2
 Vgl. Nr. 323.
3
 = W. R. Meckbach als Magdeburger Gesandter.
4
 Einnahme der Session im RR am 13. 7. [Nr. 29].
5
 = Kf. Johann Georg von Brandenburg und Mgf. Joachim Friedrich [als Administrator von Magdeburg].
6
 Vgl. Nr. 336.
7
 = so.
8
 = Meckbach.
9
 Vgl. zuletzt die Gesandtschaften des Christoph von Schleinitz vor dem RT (Einleitung, Kap. 3.5.1) sowie im Juni 1594 [Nr. 338].
10
 Übergabe der Magdeburger Darlegung [Nr. 336] an die katholischen Stände mit Dekret des Ks. vom 6. 7. 1594 [Nr. 340] um deren Stellungnahme.